Quo Vadis Lausitz? Stakeholder-Workshop zu strukturpolitischen Erfahrungen und alternativen Transformationspfaden in Hoyerswerda

„Wenn die Künstlerschar das Theater verlässt und die Planer den Plan liegen lassen, dann wird deutlich, dass vom Plan abweichen für die einen vielleicht ne Katastrophe ist, für die anderen aber fruchtbare Wirkungsräume herstellt, die lang Ersehntes auf einmal wahr werden lassen, wenn wir uns in den Erkundungsraum hinein wagen, ja ihn betreten und als inmitten begreifen.“
(Künstlerische Reflexion des Workshops von Julia Gabler und Stefan Nolte, Recherchepraxis e.V.)

Quo Vadis Lausitz? – Unter diesem Motto hatte das Projekt „Revier.Trialog – Braunkohlereviere als Transformationsräume“ am Nachmittag des 28. August 2026 Akteur:innen des Strukturwandels in der Region nach Hoyerswerda eingeladen. Ziel des Workshops war es, strukturpolitischen Erfahrungen zu reflektieren und daraus innovative Ansätze für eine stärker raumbezogene und zukunftsgerichtete Regionalentwicklungspolitik im Strukturwandel in der Lausitz zu entwickeln.  Dass dies kein gewöhnlicher Workshop werden würde, wurde den Teilnehmenden aus Wissenschaft, Wirtschaftsförderung, Kultur, Zivilgesellschaft und Politik spätestens klar, als sie die Baustelle des Neustadtforums betraten: Die Räumlichkeiten des Jugendclubhauses OSSI, seit mehr als 60 Jahren Bestandteil des öffentlichen Lebens in Hoyerswerda, befinden sich aktuell im UmbauNeubau. Nackter Beton, unverputzte Wände, Bierbänke, weder Wasser, Strom noch Licht – unser Treffpunkt ein Ort, der den Wandel und die Notwendigkeit, zu improvisieren, widerspiegelt und so gleichzeitig perfekte Bedingungen liefert, um auch gedanklich gewohnten Pfade zu verlassen. 

Der Austausch begann mit einem kreativen Perspektivwechsel: Dr. Julia Gabler und Stefan Nolte, Künstler:innen des Kollektivs Recherchepraxis e.v., luden die Teilnehmenden dazu ein, in die Rollen verschiedener, auf den ersten Blick eher unscheinbarer Akteure des Strukturwandels zu schlüpfen und mögliche Verbindungslinien zu erkunden: Welche Rolle spielt die Sümpfungspumpe in der Lausitz? Was haben das Sandkorn und der Sprengtrichter gemeinsam? Welche Kooperationen können der kleine Waldportier, das Schaf und das Silbergras eingehen? Bei einer anschließenden Vorstellungsrunde der besonderen Art wurden so nach und nach reihum die Rollen und Impulse der unterschiedlichen Akteur:innen im Strukturwandel sichtbar.
Im zweiten Teil des Workshops standen fachliche Diskussionen sowie der Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden im Fokus. In Kleingruppen schauten wir zunächst auf die bisherige Strukturpolitik in der Lausitz zurück und fragten, was gut und schlecht gelaufen ist – im Hinblick auf Fördergegenstände, Fördermechanismen und Prozesse, Raumsensibilität, Maßstäblichkeit und Zeitdimension. Es wurde deutlich, dass der Strukturwandel in der Lausitz zwar an frühere Umbrüche anknüpft, sich jedoch durch seine gezielte strukturpolitische Flankierung und die Entwicklung neuer regionaler Leitbilder von den bisherigen Erfahrungen unterscheidet. Der hohe Zeitdruck im Förderprozess traf vielerorts auf begrenzte kommunale Kapazitäten und führte häufig zur Umsetzung bereits verfügbarer statt innovativer Projekte. Gleichzeitig wurden Defizite bei der Zusammenarbeit und Beteiligung kritisiert, da Partizipationsmöglichkeiten hinter den Erwartungen zurückblieben und oftmals eher Konkurrenz als Kooperation gefördert wurde.

Im zweiten Schritt widmeten wir uns den Stärken der Lausitz und fragten, wie sich diese räumlich ausprägen und im verbleibenden strukturpolitischen Prozess (besser) adressiert werden können. Was kommt in Zukunft auf die Lausitz zu – im Hinblick auf gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftsstrukturelle Dynamiken? Und an was hat bisher vielleicht noch niemand gedacht? Die Lausitz wurde als heterogene, überwiegend ländlich geprägte Region beschrieben, in der strukturpolitische Investitionen bislang vor allem den Ober- und Mittelzentren zugutekommen. Kritisch diskutiert wurde, dass das Narrativ des Wachstums den unterschiedlichen Ausgangslagen und Entwicklungsperspektiven der Region nur bedingt gerecht wird. Zudem konzentriere sich die Debatte häufig auf den Kohleausstieg, während Chancen und Potenziale eines Einstiegs in neue Wirtschafts- und Lebensformen bislang weniger Aufmerksamkeit erhalten.

In der dritten Diskussionsrunde fragten wir danach, was die bisherigen Erkenntnisse für die Ausgestaltung einer weiterentwickelten Strukturpolitik bedeuten, insbesondere im Hinblick auf Fördergegenstände, Fördermechanismen und Prozesse. Müsste sich dafür auch etwas an der regionalen Governancestruktur verändern? Und welche Prinzipien der Regionalentwicklungspolitik sollten Einzug halten? Für die zukünftige Strukturpolitik wurde eine stärkere Ausrichtung an regionaler Passfähigkeit, Qualität und langfristiger Tragfähigkeit von Projekten gefordert, anstatt vor allem auf Sichtbarkeit und Wachstum zu setzen. Zudem sollte die Förderpolitik teilräumliche Potenziale, dezentrale Entwicklungsansätze sowie interkommunale und länderübergreifende Kooperationen stärker unterstützen. Transparente Qualitätskriterien, eine intensivere Projektqualifizierung sowie die Einbindung wissenschaftlicher und internationaler Expertise wurden als wichtige Voraussetzungen für eine nachhaltige Regionalentwicklung hervorgehoben.

Der Workshop in Hoyerswerda (Lausitz) ist der erste von insgesamt drei durch künstlerische Interventionen gerahmte Stakeholder-Workshops in den drei Braunkohlenrevieren. Im September und Oktober 2026 folgen Workshops im Mitteldeutschen und Rheinischen Revier. Die Ergebnisse der drei Workshops werden systematisiert und zusammengeführt und für eine aufsuchende Politikberatung in den Revieren in Form vertraulicher individueller Gespräche mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern aufbereitet.

Das Projekt "Braunkohlereviere als Transformationsräume" wird durch die ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und das Institut für Strukturwandel und Nachhaltigkeit der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Länderkunde umgesetzt. Es wird durch Seed Money aus dem Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen" im Zeitraum April 2026 bis März 2027 finanziert. 

Ansprechpersonen:
Prof. Dr.-Ing. Robert Knippschild
Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung
Interdisziplinäres Zentrum für transformativen Stadtumbau 
r.knippschildioer@ioer.de

Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Dr. Katharina Kapitza
ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft
danielzykioer@umwelt.uni-hannover.de
katharina.kapitzaioer@arl-net.de